Live In Ausgabe Oktober 2016


Liebe Leserinnen, liebe Leser

die Fähigkeit der Menschen Empathie empfinden zu können, ist eine der wichtigsten für unser Zusammenspiel in der Gruppe. Ohne sie wären wir eiskalte, berechnende Figuren, die beim täglichen Spiel des Lebens nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Was ein Glück…

Aber manchmal überkommt einen dann mitunter Mitgefühl für kuriose Sachen, oder?

Beispielsweise für Worte! Es gibt Worte die aussterben, welche, die tabu sind oder schlichtweg missbraucht werden. So ein Fall ist die „Eskalation“. Hat das arme Ding doch von Anfang an keinen besonders schönen phonetischen Klang, wird es obendrein meist dann eingesetzt, wenn die betreffende Lage sich verschlimmert. Gern benutzt man sie im militärischen Bereich, wo es sich von selbst erklärt. In der Evolutionsbiologie spricht man von ihr, wenn die Wesen in der Natur vom lieben Gott  (oder der natürlichen Mutation) plötzlich mit immer mehr und wirksameren Waffen ausgestattet werden. Ähnlich verhält es sich in der Wirtschaft.

Die positivste Eigenschaft wird ihr noch zugesprochen, kommt sie als modifizierte „Deeskalation“ daher. Aber wirklich mit zum Bundesligaspiel will man sie deshalb auch noch nicht nehmen. Seit ein paar Jahren fällt den Redakteuren im Hause LIVE IN zunehmend auf, dass man der eh schon gebeutelten Eskalation Einzug in die Jugendsprache gewährt hat und vorwiegend im Bereich der Vergnügungsmöglichkeiten antrifft. Da wird auf Partys eskaliert, regelmäßig sorgen DJs für eskalative Zustände auf dem Floor und selbst einzelne Personen seien teilweise spontan „heftig eskaliert“.

Verschiedene Fragen drängen sich auf: Wie wurde die Person von einer auf Kohlenstoff humanoide Lebensform zu einer Situation, Lage oder einer Entwicklung? Dank der Berichterstattung über Krisengebiete weltweit und dem zunehmenden, asymmetrischen Krieg, der scheinbar immer näher zu uns kommt, sollte man meinen, mit Eskalationen wollte man möglichst wenig zu tun haben.

Doch auch wir Medienleute selbst sind nicht davor gefeit, die Eskalation freiwillig in unser tägliches Leben zu lassen. Die vorliegende Ausgabe ist Beweis dafür. Unser Handwerk bringt es mit sich, dass sich in diesem Magazin reihenweise Beispiele dafür finden.

In diesem Sinne, vielleicht sollten wir alle ab und zu darüber nachdenken, mit was wir Mitgefühl haben oder wen wir durch Unwissenheit so nah an uns heranlassen, wie sonst nur die Muttersprache.

Bleibt anständig und aufmerksam,

Euer Live In Team

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