Live In Ausgabe April 2017


Liebe Leserinnen und Leser,

das Sprichwort „Totgesagte leben länger“ wird durch das Medium Vinyl so passend verkörpert, wie sonst nur durch wenig anderes. Ihm zu Ehren und um der aussterbenden Spezies der Plattenläden gebührend zu huldigen, wird jedes Jahr am dritten Samstag im April der internationale „Record Store Day“ ausgerufen. 2017 bereits zum zehnten Mal.

Nicht nur Fachhändler und anspruchsvolle Musikliebhaber schwören auf das schwarze Gold und betonen das unvergleichliche Gesamterlebnis, das einem die Schallplatte beschert. Im Gegensatz zu einer YouTube-Session am heimischen Computer oder beim Abspielen über das Smartphone, erfordert der Musikgenuss von der Platte ein wenig mehr Energieaufwand und Zeit, die man sich nehmen muss. Die Bedienung des Turntables, das Aufbewahren und Auflegen der Platten, das knackende Geräusch am Anfang und vielleicht der eine Kratzer an der Lieblings-Stelle eines Songs, der entstand als… und den Besitzer von da immer an einen denkwürdigen Augenblick im Leben erinnert – das stellt unweigerlich eine Verbindung her zwischen Mensch und Medium, Liebhaber und Meisterwerk, Konsument und Künstler, Fan und Band.

Apropos Konsum. Die Verkaufszahlen physischer Tonträger gehen zwar fortschreitend zurück, während die Charts längst überwiegend von Downloadzahlen auf Online-Portalen bestimmt werden. Doch ist der Akt des Plattenkaufs im Laden oder auf dem Flohmarkt unbestritten eine einprägsamere Erfahrung als das „Shoppen“ im iTunes Store. Vom akribischen Stöbern in den Regalen, dem Jagdinstinkt auf der Suche nach einer speziellen Veröffentlichung, dem vorsichtigen Entfernen des Zellophans und dem Auspacken zuhause, zum allerersten Kontakt des Tonarms mit den Rillen der begehrten Scheibe und bis schließlich der erste Song der A-Seite durch’s Zimmer schwebt - all das lässt sich durch einen Klick auf der Maustaste nur schwer auslösen.

Ähnlich verhält es sich mit Printmedien, wie dem vorliegenden LIVE IN-Magazin, das Ihr gerade in den Händen haltet. Ältere Hefte sind ein wunderbarer Beleg daür, wie sich unsere Leser mit dem bedruckten Papier auseinandergesetzt haben. Herausgerissene Artikel mit wichtigen Kontaktdaten, eine hastig aufgeschriebene Telefonnummer und das bis auf eine letzte Frage gelöste Kreuzworträtsel geben Aufschluss über einen bestimmten Moment im Leben, in dem das LIVE IN irgendwie eine Nebenrolle gespielt hat. Das Scrollen über eine Website ist sicher gut, um Zeit totzuschlagen - aber ein zusammengerolltes Magazin ist nicht nur eine tödliche Waffe im Kampf gegen blutdürstige Moskitos, es lässt sich durchaus effektiv gegen menschliche Angreifer einsetzen.
Und selbst wenn dem LIVE IN stellvertretend für alle Printerzeugnisse hin und wieder attestiert wird, dass seineLebenserwartung begrenzt ist, sprechen die letzten Jahrzehnte und die nicht abreißende Beliebtheit bei unseren Lesern eine deutliche Sprache. Die Wertschätzung für unsere Arbeit gibt uns wohl Recht, ebenso wie der Schallplatte.
Wir geben jedenfalls weiterhin unser Bestes um Euch Monat für Monat mit einem hochwertigen, schönen Heft zu beschenken und wer weiß – vielleicht werden vergriffene Magazine in ein paar Jahren zum wertvollen Sammelobjekt…
Bleibt aufgeweckt und fröhlich,

Euer Allgäu LIVE IN 

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